fbpx

Jonathan Franzen, der Großschriftsteller und Vogelbeobachter, hat einen Essay über die Unabwendbarkeit der Klimakatastrophe geschrieben, mit großem literarischen und philosophischen Aufwand. Wenn man aber zur jungen Generation gehört, zu den Menschen, denen die Klimakatastrophe tatsächlich droht, sind einem die poetischen Ambitionen egal: Es geht um die Botschaft, und die ist falsch und fatal. Eine Antwort. Von Franziska Heinisch.

Das unausgesprochene Versprechen an die jüngste Generation lautete bislang: „Ihr sollt es einmal besser haben als wir.“ Jetzt wird es gebrochen. Die älteren Generationen hinterlassen ihren Kindern und Enkelkindern eine Katastrophe, die sie hätten verhindern können. Die junge Generation könnte sich ergeben und resignieren. Stattdessen ist sie es, die vorangeht. Sie vermag es, die Folgen der Klimakrise zu begreifen – und handelt entsprechend. Sie nimmt ihre Zukunft in die eigenen Hände. Aber dabei ist sie auf Mitstreiterinnen ausgerechnet unter denen angewiesen, die es nie zu einer Katastrophe hätten kommen lassen dürfen: ihre Eltern und Großeltern. 

Es wäre das Mindeste, dass die Alten ihnen zur Hilfe eilten und das Schlimmste abwendeten. Dass sie die Ärmel hochkrempeln und sie dabei unterstützen, die Feuer zu löschen und das apokalyptische Inferno zu verhindern. Jonathan Franzen hat sich für das Gegenteil entschieden: Weil die Katastrophe ohnehin nicht mehr abwendbar sei, erklärt er den Kampf für illusorisch und deswegen überflüssig. Er hält ein Plädoyer für die frühzeitige Resignation – und lässt die junge Generation im Stich. Und als wäre das noch nicht genug, tarnt er dieses Sich-Ergeben als einen Akt der Vernunft und bedient damit ausgerechnet die Interessen der Gegner der Klimaaktivistinnen, jener, die wissenschaftliche Fakten als Fake News abtun und seit Jahren gegen die Klima- und Umweltbewegung mobilisieren. 

Es geht nicht darum, ob der Kampf gewonnen oder verloren wird. Es geht um eineinhalb oder zwei oder vier Grad Erwärmung.

Wenn er das mit Vorsatz tut, muss man ihm Boshaftigkeit unterstellen. Wenn nicht, handelt er zumindest grob fahrlässig. Oder sogar einfältig? 

Denn Jonathan Franzen zieht sich auf die Position eines Kommentators am Spielfeldrand zurück und erklärt alle Bemühungen gegen die Klimakrise schon vorab für zum Scheitern verurteilt. Dabei ist die alles entscheidende Frage in der Klimadebatte gerade die, welches Ausmaß die Klimakatastrophe annimmt. Wird die Erde sich um eineinhalb, um zwei oder vier Grad Celsius erhitzen? Für wie viele Menschen wird die Wasserversorgung knapp? Werden 50 Millionen Menschen in die Flucht oder den Tod getrieben oder 500 Millionen? 

Indem er diese Frage als unbedeutend abtut, erklärt Franzen das Schicksal von Dutzenden, wenn nicht Hunderten Millionen Menschen für nicht relevant genug. Er beraubt eine ganze Generation ihres Restvertrauens darin, dass die Älteren zumindest in einer Situation Verantwortung für die Schadensbegrenzung übernehmen, in der sich die Katastrophe nicht mehr leugnen lässt. 

Eltern eines todkranken Kindes, auf dessen Heilung auch nur die geringste Chance besteht, würden versuchen, diese zu nutzen – egal, wie hoffnungslos die Lage erscheint. Franzen jedoch verlangt von ihnen, sich mit dem Tod ihres Kindes abzufinden. Ob er so auch mit seinem eigenen Kind verfahren würde? Diese Position ist vermessen und brutal – und vor allem widerspricht sie jedem Instinkt, wie zu handeln sei. Aus Franzens Aufforderung zum Sich-Ergeben spricht ein Zynismus, den sich nur diejenigen leisten können, die nicht ihre Zukunft zu verlieren haben, sondern allenfalls ihre Privilegien.

Was Franzen für vernünftig erklärt: wegschauen, an etwas anderes denken, Hände vor die Augen halten

Dabei erhebt er seine Position zur Haltung der Vernünftigen und Realistischen, obwohl sie dem Unvernünftigsten entspricht, was man angesichts einer Notstandslage machen kann: Sich abwenden, die Augen schließen, sich anderen Zielen widmen. Was Franzen bewirkt, ist nichts anderes als die Pseudo- Rationalisierung der Resignation: als würde das Nichtstun dadurch richtiger, dass es literarisch ausgeschmückt wird. Franzen entscheidet sich für das Schlimmste aller Szenarien – zu einem Zeitpunkt, zu dem noch eine Wahlmöglichkeit bestünde. Das wäre nicht so empörend, wenn es dabei nur um seinen eigenen Untergang ginge. 

Er selbst gesteht ein, dass kollektives konsequentes Handeln noch einen Unterschied machen könnte. Ihm ist völlig klar, dass sich mit einer Umkehr der entscheidenden Verursacher – angefangen bei einer mutlosen Politik, weiter bei unserer Wirtschaft und den Gesellschaften der Industrienationen des globalen Nordens – noch einiges retten ließe. Aber statt die Verursacher in Haftung zu nehmen, nimmt Franzen die Gestalt des Apokalyptischen Reiters an und will schon jetzt alles, was in Gefahr ist, dem Untergang preisgeben. 

Man muss ihm zugestehen, dass die radikale Veränderung (fast) aller Rahmenbedingungen nicht einfach oder sogar unwahrscheinlich ist. Schließlich müssten dazu ausgerechnet jene sich verändern, die aus der Klimakrise erst eine Katastrophe gemacht haben. Also genau die Kohorte, deren prominentes Gesicht Franzen ist. Umso mehr muss dieser sich vorwerfen lassen, dass sein einziges Argument für die frühzeitige Kapitulation ist, große und schnelle Veränderungen lägen nun einmal nicht in der „Natur des Menschen“ – oder vielmehr in dem, was er selbst dafür hält. Was er dabei als philosophische Erkenntnis tarnt, ist vor allem sein eigenes Mantra der Bequemlichkeit. Er rettet sich auf eine Metaebene. Indem Franzen sich auf das vermeintliche Wesen des Menschen stützt, entzieht er sich selbst jeder Verantwortung: „Was soll man schon machen. So ist es nun einmal. So ist der Mensch.“ 

So erklärt er die eigene Charakterschwäche zu einem philosophischen Grundsatz der menschlichen Natur. Nicht nur ist die Frage nach dem Wesen des Menschen nicht diejenige, mit der wir uns in der Klimadebatte auseinandersetzen müssen. Man kann auch die These wagen, dass Millionen junger Klima- und Umweltaktivistinnen ihn widerlegen.

Denn sie sind diejenigen, die gegen die Ausreden angehen, die Franzen bedient. Empfindsam, empathisch, leidenschaftlich. Die jungen Menschen versuchen, die aufzurütteln, die sich allzu gerne für unbeteiligt halten und jede Verantwortung von sich weisen. Franzen dagegen stellt sich schützend davor. Die junge Generation verpflichtet die Älteren auf das, was sie ihr selbst beigebracht haben: Werte wie Pflichtbewusstsein, Ehrlichkeit und Einsatz. Für die eigenen Fehler Verantwortung zu übernehmen und sie so weit zu beheben wie irgend möglich. Grundsätze, nach denen es zu handeln gilt: Wenn es brennt, muss man das Feuer löschen. Wenn jemand zu ertrinken droht, reicht man ihm die Hand. Alles andere wäre völlig absurd.

Aus dem „How dare you?“, mit dem die jungen Menschen auch die Generation Jonathan Franzens konfrontieren, spricht der Vorwurf, dass ihre Eltern und Großeltern sich an ihre eigenen Grundsätze zu lange nicht gehalten haben – und damit die Zukunft einer ganzen Generation auf ’s Spiel gesetzt haben. Alles, was diese darauf bislang erwidert haben, sind etwas warmer Applaus und wohlwollende Schulterklopfer. Die junge Generation wehrt sich gegen die Ohnmacht, in der es sich ihre Eltern und Großeltern längst gemütlich gemacht haben. Franzen dagegen verschafft ihr Rückenwind. Dem muss man entgegnen: So nicht, alter Mann! 

Er macht es sich zu einfach, wenn er glaubt, er werde mit seiner Argumentation zum Hoffnungsträger der Vernunftbegabten. Im Gegenteil: Er wird Teil einer Opposition gegen das Notwendige. Absichtlich oder versehentlich macht er sich mit denen gemein, die seit Jahren gegen die Klima- und Umweltbewegung mobilisieren. Indem er dafür plädiert, zu resignieren und nichts zu tun, bereitet er den Boden für die, die den Veränderungsbereiten Hysterie vorwerfen. Der vermeintlich intellektuelle Anstrich, den er ihren Argumentationen verpasst, ist gefährlich. Denn was sich darunter verbirgt, ist ein Plädoyer für ein „weiter so“. 

Es reicht nicht aus, die Katastrophe als Tatsache anzuerkennen, um einer der Guten zu sein. Was zählt ist, ob man der Katastrophe entsprechend handelt oder nicht. Es kommt darauf an, angesichts dessen, was möglicherweise noch verhindert werden kann, alles Notwendige zu unternehmen, um genau das zu tun. 

Wer dagegen die Katastrophe erkennt, aber sich dann allen Bemühungen verwehrt, ihr Ausmaß auf ein Mini- mum einzudämmen, ist keinen Deut besser als jene, die die Augen vor der Realität verschließen. Im Gegenteil: Wer denen, die längst angefangen haben, die Feuer zu löschen, seine Unterstützung versagt, macht sich zum Mittäter. Er treibt einen Keil zwischen die Generationen und versagt allen, die die Folgen der Klimakrise am härtesten treffen werden, seine Empathie. Man darf Jonathan Franzen nicht durchgehen lassen, dass er sich als Kämpfer für die Vernunft inszeniert. 

Wer denen, die längst angefangen haben zu löschen, die Hilfe verweigert, macht sich zum Mittäter. 

Das Gleiche gilt für alle, die jetzt geneigt sind, dem vermeintlichen Realisten zu applaudieren und die Gelegenheit zur Bequemlichkeit wahrzunehmen. Die Katastrophe konfrontiert alle mit der Frage, auf wessen Seite sie sich stellen. Können Sie sich in zehn Jahren in die Augen sehen und zugeben, dass Sie gewusst haben was passieren wird, wenn sie untätig bleiben, aber zu bequem zum Handeln waren? Wenn nicht, sind Sie – wir alle – aufgefordert, jetzt zu handeln. „Our house is on fire“ – Zeit, es zu löschen. Katastrophenbewältigung ist kein Zuschauersport. Wer sie weiter als solchen behandelt, hat nicht verstanden, was auf dem Spiel steht. 

Weniger Privilegierte und zahllose junge Menschen – darunter ich – müssen in einer Zukunft leben, die die Boomer-Generation mit so einer Attitüde täglich schlimmer macht. Wir sind auf Menschen angewiesen, die noch nicht in Fatalismus verfallen sind, sondern sich mit uns verbünden. Und wenn am Ende nur ein hundertstel Grad weniger Erderhitzung dabei herauskommt, hätte sich alles gelohnt. 

Franziska Heinisch, geboren 1999, studiert Jura. Sie ist eine der Autorinnen des Buchs „Ihr habt keinen Plan – Darum machen wir einen“, das im Herbst bei Blessing erschienen ist.